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Rede von Bundesumweltminister Jürgen Trittin anlässlich: 3. Internationaler Fachkongress für Biokraftstoffe
- Datum: 14.11.2005
- Ort: Internationales Kongresszentrum Berlin
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
der Internationale Fachkongress für Biokraftstoffe wird in diesem Jahr bereits zum dritten Mal durchgeführt.
Er ist auf dem besten Weg, den Platz als die Leitveranstaltung für Biokraftstoffe in Deutschland einzunehmen.
"Kraftstoffe der Zukunft 2005" ist das Thema in diesem Jahr. Man könnte es auch "Kraftstoff für unsere Zukunftsfähigkeit" nennen.
Denn in diesem Thema steckt weit mehr drin als die Frage, wie wir unsere Fahrzeuge in 10, 20, 50 Jahren bewegen wollen.
Es geht hier konkret auch um Zukunftsfragen für den Standort Deutschland: für die Automobilindustrie, die Landwirtschaft, Wissenschaft und Forschung. Natur als Motor für Innovationen, das ist eines der großen Potenziale für unsere Gesellschaft und Wirtschaft im 21. Jahrhundert.
Die steigenden Benzin- und Dieselpreise stellen für immer mehr Menschen eine erhebliche Einschränkung ihrer individuellen Mobilität dar, obwohl in Deutschland noch nie so wenig für einen Liter Benzin gearbeitet werden musste wie heute.
Gleichzeitig weiß heute jedes Kind, dass wir unsere nationalen und internationalen Umwelt- und Klimaschutzziele nur erreichen, wenn es gelingt, die globale Energieversorgung unabhängiger vom Erdöl zu machen.
Der Wirbelsturm "Katrina" hat uns diese doppelte Herausforderung auf dramatische Art und Weise vor Augen geführt. Die USA sind unvorbereitet von einem "gefühlten" Preis-schock getroffen worden.
Meine Damen und Herren,
der amerikanische Chemiker und Mitverfasser des Club of Rome, Dennis L. Meadows, hat einmal gesagt: "Höhere Energiepreise in einem einzelnen Land können dessen Wettbewerbsfähigkeit sogar steigern, weil sie einen Anreiz zur Modernisierung der Wirtschaft darstellen."
So interessant diese Aussage ist – wir haben uns in unserem Regierungshandeln nicht damit abfinden wollen zu warten, bis der Druck immer weiter steigt.
Unser Anspruch war von Anfang an, klare Richtungsentscheidungen für Deutschland zu treffen.
Dahinter steht die Überzeugung, dass nachhaltiges Wirtschaften ein hervorragender Boden für Innovationen, Wachstum und Wohlstand ist.
Die Bundesregierung hat die Themen nachwachsende Rohstoffe, erneuerbare Energien und Atomausstieg von Anfang an auf die politische Agenda gesetzt, namentlich mit der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie.
Im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie haben wir 2004 die Kraftstoffstrategie zur Sicherung nachhaltiger Mobilität verabschiedet. In die Vorbereitung waren Industrie, Wissenschaft sowie landwirtschaftliche und Umweltverbände eingebunden.
Mit der Kraftstoffstrategie erfolgt eine Bestandsaufnahme des Potenzials der vielfältigen alternativen Kraftstoffe und Antriebe, insbesondere im Blick auf:
- den Ausstoß von Treibhausgasen und
- die Verringerung unserer Abhängigkeit vom Erdöl.
Biokraftstoffe werden vor diesem Hintergrund momentan als die regenerative Alternative mit dem kurz- und mittelfristig größten Mengenpotenzial identifiziert. Und zwar:
- kurzfristig Biodiesel, Bioethanol, Biogas und Pflanzenöl als Biokraftstoffe der ersten Generation
- und im Laufe der nächsten Dekade die BtL-Kraftstoffe als neue Biokraftstofflinie.
Die erstgenannten werden bereits in der Praxis eingesetzt bzw. bergen – wie Biogas – ein enormes Potenzial. Im Einzelnen:
Beim Biodiesel beträgt der Verbrauch mittlerweile 5 % des gesamten Dieselabsatzes. Derzeit ist die Nachfrage so groß, dass die Produktion kaum nachkommt. Hier sind wir also auf einem sehr guten Weg.
Im Ethanolbereich sind drei Anlagen zur Produktion von Bioethanol mit einer Jahreskapazität von ca. 500.000 Tonnen in Betrieb gegangen.
Interessant sind die Entwicklungen beim Ethanolkraftstoff E 85, der in Fahrzeugen mit so genannter Flex-Fuel-Technologie genutzt werden kann. Hier sind erste Fahrzeuge inzwischen auch in Deutschland auf dem Markt. Investoren für die nötige Tankstelleninfrastruktur müssen sich aber erst noch finden.
Pflanzenöl ist momentan vor allem in der Landwirtschaft eine Alternative – ein Kraftstoff, der im Idealfall im eigenen Betrieb produziert werden kann. Die hohen Preise für fossilen Diesel haben auch hier zu einer hohen Nachfrage geführt: von Landwirten über LKW-Flottenbetreiber bis hin zu normalen PKW-Besitzern. Technische Probleme in der Kombination mit dem Russfilter werden hoffentlich lösbar sein.
Meine Damen und Herren,
sowohl Biodiesel, Bioethanol als auch Pflanzenöl sind also bereits über das Stadium der Entwicklung hinweg und kommen in der Praxis zur Anwendung. Beim Biogas gilt es, die vorhandenen Voraussetzungen wie die vorhandene Erdgas-Tankstellen-Infrastruktur sowie die Palette an Erdgasfahrzeugen möglich rasch zu nutzen. Deshalb geht es hier vor allem darum, die Marktdurchdringung weiter zu fördern.
Wir tun das zum Beispiel, indem wir den von der EU vorgegeben Rahmen zur steuerlichen Förderung nutzen:
- Seit dem 1. Januar 2004 gilt die Steuerbefreiung biogener Reinkraftstoffe auch für Mischungen mit fossilen Kraftstoffen. Diese Steuerbefreiung ist das entscheidende Förderinstrument in Deutschland.
- Große Chancen für den Einsatz von Biogas als Kraftstoff haben wir durch die Investitionssicherheit zur Markteinführung von Methangas in Form von Erdgas als Kraftstoff mit den langfristig festgeschriebenen Mineralölsteuersätzen in der Ökologischen Steuerreform gelegt. Mit der Privilegierung durch das neue Energiewirtschaftsgesetz und die Gasnetzzugangsverordnung kann in Deutschland nun auch Biomasse in Form von Biogas ohne aufwändige Umwandlung als Kraftstoff eingesetzt werden. Dies bietet angesichts degressiver Einspeisevergütungen des Erneuerbare-Energie-Gesetzes (EEG) und steigender Kraftstoffpreise wirtschaftliche Perspektiven für die Betreiber von Biogasanlagen. Zudem bietet sich damit umweltpolitisch eine Alternative zum Diesel auch und gerade mit Blick auf die Herausforderung der Einhaltung der EU-Luftqualitätsgrenzwerte für Feinstaub und Stickoxide.
- In Österreich hat das dortige Umweltbundesamt hierzu eine bemerkenswert nüchterne Potenzial-Analyse vorgelegt, die ich allgemein zur Lektüre empfehle.
Neben der staatlichen Unterstützung kommt es aber auch entscheidend darauf an, dass die Wirtschaft mitzieht:
- Sowohl die Mineralölindustrie: Hier liegt ein Schwerpunkt darauf, den Anteil der Beimischungen von Biodiesel und Bioethanol weiter zu erhöhen.
- Die Erdgaswirtschaft hat offenbar die Chancen, die sich ihr mit Biogas eröffnen, inzwischen verstanden.
- Als auch die Automobilindustrie: Ich weiß, dass die deutsche Automobilindustrie dem Thema Biokraftstoffe sehr positiv gegenüber steht. Etwa bei Bioethanolfahrzeugen ist sie sogar weltweit führend. Dies gilt ebenso für Fahrzeuge mit Methanantrieb.
Meine Damen und Herren,
das ist die Gegenwart. Wie sieht die Zukunft aus? Auch bei den Biomass-to-liquid(BtL)-Kraftstoffen hat Deutschland eine Vorreiterrolle.
Im Gegensatz zu den oben genannten Alternativen befindet sich die BtL-Technologie jedoch noch in der Entwicklungsphase.
Die Bundesregierung hat hier deshalb den Schwerpunkt auf die Förderung von Forschung und Demonstrationsvorhaben gelegt. Insbesondere mit dem Schwerpunkt auf:
- Produktionsverfahren,
- Transportfähigkeit und
- Verfügbarkeit
Wir arbeiten in all diesen Fragen eng mit Forschungseinrichtungen, der dena, der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe und der Wirtschaft zusammen.
- Ob dieser Weg wirklich eine wirtschaftliche und ökologische Perspektive darstellt, wird die harte Prüfung industrieller Anwendung zeigen müssen.
Meine Damen und Herren,
wie Sie sehen, sind die Anstrengungen zur Förderung von Biokraftstoffen enorm. Das Faszinierende an diesem Gebiet ist, dass wir in relativ kurzer Zeit sehr weit vorangekommen sind. Vieles, was noch vor wenigen Jahren Vision war, ist heute gängige Praxis bzw. steht kurz davor. Die Bilanz dieses innovativen Bereichs ist schon heute beachtlich:
Zunächst zum Klima- und Umweltschutz:
Allein im Jahr 2004 wurden in Deutschland durch den Einsatz von Biokraftstoffen ca. 2,6 Millionen Tonnen CO2-Emissionen vermieden. Wir werden zusammen mit der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe die Vorhaben zu alternativen Energiepflanzen und Anbaumethoden fortführen und intensivieren. Zugleich müssen wir aber auch Zielkonflikte mit dem klassischen Immissionsschutz im Verkehrsbereich vermeiden. Die längst nicht ausgestandene Diskussion über die Einhaltung der EU-Luftqualitätsgrenzwerte bei Feinstaub und Stickoxiden dürfte jedem noch präsent sein.
Was die wirtschaftlichen Effekte betrifft, so hat die Förderung der Bioenergie gerade im ländlichen Raum zu Wertschöpfung und Beschäftigung beigetragen:
Etwa 50.000 Arbeitsplätze sind hier in den letzten Jahren entstanden. Der Umsatz einschließlich Investitionen im Bereich Bioenergie beträgt 2005 fast 4 Milliarden Euro. Allein die von Landwirten erzielten Erlöse für Raps zur Biodieselherstellung beliefen sich im Jahr 2004 auf geschätzte 400 Millionen Euro. Den Landwirten werden dadurch Einkommensalternativen eröffnet. Der Acker wird zum Bohrloch des 21. Jahrhunderts. Der Landwirt wird zum Energiewirt, wenn es gelingt, die ökologischen und finanziellen Randbedingungen dabei im Blick zu behalten.
Für Deutschland und die EU ist Energie aus nachwachsenden Rohstoffen eine riesige Chance. Ich hoffe deshalb sehr, dass es gelingt, bis zum Ende des Jahres einen europäischen "Aktionsplan für Biomasse" vorzulegen, der zu einer deutlichen Steigerung des Beitrags von Biomasse zur Energieversorgung in der Gemeinschaft führen und staatliche Subventionen in Grenzen halten soll.
Ich bin überzeugt, dass wir uns für die Zukunft ehrgeizige Ziele setzen müssen. Denn das sind letztlich genau die Signale, die auch Unternehmen für ihre Planungen brauchen. Andererseits sollten staatliche Möglichkeiten nicht überschätzt werden.
Ein Agieren im Sinne des Meadows-Zitats halte ich hier nicht für sinnvoll. Wir dürfen nicht warten, bis der Druck immer unerträglicher wird, sondern das Tempo selbst vorgeben. Hier ist auch die Wirtschaft gefordert.
Ich habe mich daher erst kürzlich gegenüber der EU-Kommission dafür ausgesprochen, die Zielvorgabe für den Anteil an Bioenergien am Gesamtenergieaufkommen für die kommenden Jahre ambitionierter als bisher zu formulieren.
Dies hat auch Bundeskanzler Schröder in seiner Rede vom 6. September 2005 beim Jahreskongress des Rates für nachhaltige Entwicklung beschrieben und gefordert, 10 % als Zielwert für 2010 anzustreben. Bisher sind 5,75 % vorgesehen.
Meine Damen und Herren,
was sind die großen Herausforderungen der nächsten Jahre?
Energiemanagement ist längst zu einer globalen Herausforderung geworden.
Die globale Energieversorgung der Zukunft wird sich aus einem Mix verschiedener Energiequellen zusammensetzen: Solar- und Windenergie, Fotovoltaik, Wasserkraft und Biomasse.
Gerade was die nachwachsenden Rohstoffe angeht, haben wir hier in Europa gute Bedingungen: fruchtbare Böden, eine produktive Landwirtschaft, eine hervorragende Wissenschaftslandschaft.
Aber klar ist: Auch andere Länder haben die "Chance nachwachsende Rohstoffe" für sich entdeckt.
Am weitesten ist Brasilien, wo sich insbesondere Ethanol – dank günstiger natürlicher Voraussetzungen beim Zuckerrohr und staatlicher Förderung – seit geraumer Zeit auf einem Siegeszug befindet. Aber auch Länder wie China, Indien und Thailand haben Programme gestartet, um Ethanol und Methan als Kraftstoff zu nutzen. Selbst am ölreichen Golf gibt es große Anstrengungen, um Methan als Kraftstoff zu nutzen.
Vor diesem Hintergrund wird es in den nächsten Jahren darauf ankommen:
- Begonnene Wege der Diversifizierung auch im Kraftstoffbereich weiter zu verfolgen und nicht in Interessengeflechten zu stolpern.
- Übertrieben illusionäre Vorstellungen über die Zukunft zu vermeiden, um Machbares umzusetzen.
- Den weltweiten Austausch von Wissen weiter zu fördern (so wie heute auf dieser Konferenz).
- Uns gegenseitig zu unterstützen auf dem Weg zur Klima- und Energiewende.
- Den weltweiten Wettbewerb von Unternehmen um die innovativsten Produkte und Verfahren anzunehmen und
- den globalen Handel mit Biotreibstoffen und den Ausgangsprodukten fair zu organisieren. Bei den aktuellen WTO-Verhandlungen steht auch dieser Aspekt auf der Tagesordnung.
Meine Damen und Herren,
wir sollten uns ohne Scheu auf diese globalen Herausforderungen einlassen.Für mich ist klar: Wir wollen umweltverträgliche Mobilität auch in Zukunft sichern. Und gleichzeitig die Mobilität auf eine nachhaltige Basis stellen. Aktuelle Herausforderungen der nächsten Jahre müssen dabei im Blick bleiben.
Diese Verantwortung haben wir gegenüber nachfolgenden Generationen.
Die Politik kann das allein nicht schaffen. Dazu bedarf es Ihrer Hilfe. Es braucht Internationale Foren wie diese, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der Tagung weiterhin einen guten Verlauf und viel Erfolg.
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